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Was ist der Sinn des Lebens?

Essay von Karin Jundt

Die Evolution ist der Sinn des Lebens, kosmologisch und biologisch betrachtet. Vom Urknall über erste gigantische Sterne zu den Galaxien und Planeten, dann von der unbelebten Materie über Einzeller und immer komplexere Lebensformen bis zum Menschen: Das Universum ist in ständiger Entwicklung begriffen. Der Mensch ist vermutlich das erste Wesen, das sich darüber Gedanken macht und nach einem Sinn darin sucht.

Er fragt sich auch: Sind wir die Endstufe dieser Evolution? Oder wie Religionen es ausdrücken: die Krönung der Schöpfung? Blickt man auf die vergangenen 13 Milliarden Jahre zurück, drängt sich die Antwort auf: Nein, warum sollten wir? Es ist doch bis jetzt ständig weitergegangen – warum sollte die Evolution mit diesem Wesen, das es jetzt gerade einmal wenige Millionen Jahre gibt und das alles andere als vollkommen ist, an ihr Ende gelangt sein? Wird es aussterben, wie die Dinosaurier, und einer neuen Spezies Platz machen? Oder wird es sich weiter entwickeln und mutieren?

Ohne an dieser Stelle eine spirituelle Komponente einzubringen, könnten wir unsere Diskussion hier beenden: Der Blick in die Zukunft ist uns ja verwehrt, und einen Sinn allein für die siebzig, achtzig oder neunzig Jahre dieser irdischen Existenz zu finden, können wir getrost dem Einzelnen überlassen.
Wir gehen also davon aus, dass der Mensch eine Seele besitzt, ein ewiges Element, das nach dem Tod des Körpers in irgendeiner Form weiterhin existiert (siehe hierzu auch das Essay "Gibt es ein Leben nach dem Tod?"). Und wir gehen auch davon aus, dass die Evolution nach Vielfalt und nach Vollkommenheit strebt, wie die bisherige Entwicklung nahe legt, die von einfachen zu immer differenzierteren und höheren Lebensformen verlaufen ist. Und wir setzen schliesslich noch voraus, dass es eine Höhere Macht gibt, die über dem Universum steht und damit ein Ziel verfolgt – sonst wäre die Frage nach dem Sinn wiederum sinnlos (siehe hierzu auch das Essay "Gibt es Gott?").
Parallel zur materiellen Evolution hat auch eine Evolution des Bewusstseins stattgefunden, von der "stillen" Form im so genannt Unbelebten über ein einfaches in Pflanzen und einem höheren in Tieren bis zur gegenwärtig höchstentwickelten Stufe im Menschen.

Was ist dieses "Bewusstsein"? Es ist das Wort der Bibel ("im Anfang war das Wort"), der Atman im Hinduismus, Ain Soph Aur in der Kabbala – es ist der Göttliche Kern in jedem Atom, in der Materie, in jedem Wesen. Das Universum ist aus dem Urknall hervorgegangen, als alles Existierende noch in einem Punkt verdichtet war, und hat sich kontinuierlich ausgeweitet. Alles ist aus Einem entstanden, somit ist die ursprüngliche Substanz in allem, es gibt nichts, was nicht aus dieser Einheitssubstanz besteht. Bezeichnen wir dieses Eine jetzt als "das Göttliche". Es ist also auch in uns, oder wir können noch weiter gehen und sagen: Wir sind das Göttliche.

Diese Erkenntnis beantwortet unsere Frage nach dem Sinn des Lebens zwar noch nicht, doch es erlaubt uns eine differenziertere Fragestellung.
Warum hat das Göttliche das Universum überhaupt erschaffen? Und wenn wir doch selbst göttlich sind, oder ein Teil des Göttlichen, warum sind wir uns dessen nicht bewusst? Und schliesslich: Was ist unser "Zweck", unsere Aufgabe als Mensch?

Warum das Göttliche sich in das Universum "geteilt" hat, anstatt in alle Ewigkeit als das Eine zu bestehen, können wir mit unserem menschlich begrenzten Verstand nicht wissen und könnten es wahrscheinlich auch gar nicht bis zum Letzten verstehen. Es gibt viele verschiedene Schöpfungsmythen und philosophische Erklärungsmodelle. So sieht z.B. das christliche die Liebe Gottes als Grund. Hübsch ist die östliche Vorstellung von Lila (Spiel): Die Schöpfung ist das Spiel des Göttlichen mit sich selbst (da ja alles Existierende nur das Göttliche ist). Eine weitere philosophische Theorie (die wir in Varianten mit unterschiedlicher Terminologie in verschiedenen mystischen Wegen finden) besagt, dass das Eine sein Höchstes Bewusstsein in die Materie "herabgesandt" und es sich dadurch sozusagen mit Unwissenheit verhüllt hat (oder mit Vergessen), und nun wieder zum Höchsten Bewusstsein "aufsteigen" will.
Das würde auch bereits die Fragen beantworten, warum wir uns unserer Göttlichkeit nicht bewusst sind und was unsere Aufgabe ist. Dass wir eigentlich das Göttliche sind, erkennen wir nicht, weil unsere Seele mit Unwissenheit verhüllt ist. Unsere Aufgabe ist folglich, diesen Schleier der Unwissenheit zu durchbrechen und uns wieder unserer wahren Natur zu erinnern.

Der Sinn des Lebens ist, uns unserer Göttlichkeit wieder bewusst zu werden und somit zur Einheit mit dem Einen zurückzukehren.

Das ist das Ziel der ganzen Evolution, wie es auch Teilhard de Chardin treffend formuliert hat: "Eher hört die Erde auf sich zu drehen, als dass die Menschheit aufhört, sich auf eine Einheit hin zu entwickeln."

Die Natur nimmt ihren Lauf, wir können uns ihr nicht widersetzen, wir können sie nicht aufhalten. Die biologische Evolution können wir nicht willentlich beeinflussen (heute vielleicht doch, mittels Gen-Technologie; auf diese Diskussion wird hier allerdings nicht eingegangen, da sie für die Frage nach dem Sinn des Lebens irrelevant ist). Was wir jedoch selber fördern können, ist die Evolution unseres Bewusstseins, und zwar jeder Mensch für sich selbst. Anstatt zu warten, dass unsere innere Entwicklung in hunderten oder tausenden neuer Existenzen (entsprechend der Reinkarnationslehre) oder in einem jenseitigen Leben (ob Fegefeuer nach christlicher Lehre oder wie auch immer) stattfindet und uns langsam zum Ziel führt, haben wir Menschen die Möglichkeit uns bewusst zu verändern.
Uns unserer Göttlichkeit wieder zu erinnern heisst, unsere Vollkommenheit wieder erlangen: Der Weg dazu ist eine bewusste, gewollte innere Entwicklung und Wandlung, die Transformation unseres begrenzten Egos, die Vereinigung unseres niederen Selbst mit unserem Höheren Selbst (dem Göttlichen) – wie man diesen Weg auch immer bezeichnen mag.

Der Sinn des Lebens ist die Wandlung zur Vollkommenheit.

In dieser Aufgabe sein Lebensziel zu erkennen, lässt viele weltliche Ziele banal und sinnlos erscheinen – es ist das einzige Ziel, mit dem sich unser Leben ständig von neuem interessant und spannend gestaltet.

3 existentielle Fragen:

Gibt es Gott?

Was ist der Sinn des Lebens?

Gibt es ein Leben nach dem Tod?



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