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für tragende Literatur

Leseproben

• Aus: "Der Sinn des Lebens und die Lebensschule – Sonnwandeln Band 1 " von Karin Jundt

• Aus: "Alltägliches Handeln im spirituellen Geist – Sonnwandeln Band 2 " von Karin Jundt

• Aus: "Über allem die Liebe – Sonnwandeln Band 3 " von Karin Jundt

• Aus: "Ich liebe mich selbst und mache mich glücklich – Ein Kurs in Selbstliebe" von Karin Jundt

• Aus: "Ich liebe mich selbst 2 – Ein Kurs in Selbstliebe, Band 2: Übungsbuch " von Karin Jundt

• Aus: "Karma Yoga – Auf dem sonnigen Weg durch das Leben" von Karin Jundt

• Aus: "Der Wanderer im dunklen Gewand" von Karin Jundt

• Aus: "Jonathan von der Insel " von Karin Jundt

 

Leseprobe aus "Der Sinn des Lebens und die Lebensschule – Sonnwandeln Band 1 " von Karin Jundt

Aus Kapitel 2: Lebensphasen und Lebenskrisen
[...]
Ohne Veränderung gibt es keine Entwicklung. Deshalb ist sie unumgänglich, sie ist eine Grundlage des Lebenswegs und der Lebensschule. Dabei haben wir zwei Möglichkeiten:
• Wir können uns laufend weiterentwickeln, bewusst, willentlich, sodass wir innerlich nach und nach wachsen. Dann gelangen wir gut vorbereitet an den jeweiligen Übergangspunkt und schaffen die Prüfung – vielleicht nicht ganz schmerzlos oder ohne zusätzliche Anstrengung, aber wir bestehen sie. Es ist tatsächlich wie in der Schule: Wenn wir dem Unterricht aufmerksam folgen, unsere Hausaufgaben machen und ständig ein bisschen lernen, müssen wir für die Prüfung vielleicht noch etwas büffeln, aber wir gehen zuversichtlich auf sie zu, ohne große Angst, und sind erfolgreich.
• Anders wenn wir nie etwas tun, uns treiben lassen, die Lektionen gar schwänzen, uns also generell dem Lernen verweigern. Die bevorstehenden Prüfungen werden zu einem Schreckgespenst und wir fallen möglicherweise durch. Dann müssen wir sie wiederholen, was uns zusätzliche Energie kostet und noch mehr Angst verursacht. Analog im Leben: Wenn wir dem Fluss des Lebens mit seinen Lernaufgaben nicht freiwillig folgen, werden wir vom Göttlichen hineingetrieben, denn an den für uns bestimmten Lektionen kommen wir nicht vorbei. Diese äußeren Maßnahmen, uns auf den richtigen Weg zu leiten, empfinden wir dann oft als hart, halten sie für ungerecht, bezeichnen sie gar als Schicksalsschläge. Doch in dieser Weise treffen sie uns nur, wenn wir nicht bereit sind, sie anzunehmen und einen Schritt voranzukommen. [...]

Aus Kapitel 4: Freier Wille oder Vorbestimmung?
[...]
Manche meinen, sie könnten dem Tod nicht entrinnen, wenn ihre Stunde geschlagen hat, ebenso wenig anderen schicksalhaften Ereignissen, dass also gewisse Fixpunkte im Leben eines Menschen vorgegeben seien. Gäbe es jedoch ein vorbestimmtes, unabänderliches Schicksal, wenn auch auf einzelne Ereignisse beschränkt, so wäre es zwecklos, dass wir durch unser (gutes) Verhalten versuchen, unseren Lebensweg zu beeinflussen.
Ein solcher Glaube steht zudem im Widerspruch zum Vertrauen in die göttliche Barmherzigkeit. Jede unserer Handlungen hat zwar eine Wirkung, das ist ein unumstößliches naturwissenschaftliches Gesetz. Doch wie sich diese Wirkung im Einzelfall äußert, wissen wir nicht. Schleudern wir einen Stein gegen ein Fenster und trifft er das Ziel, so geht es in die Brüche. Das entspricht dem Gesetz von Ursache und Wirkung. Der Stein kann aber ebenso gut von einem heftigen Windstoß abgelenkt werden und nicht in der Scheibe, sondern etwas daneben auf der Mauer aufschlagen, wo er nur einen geringen Schaden verursacht. Ein und die selbe Tat kann also verschiedene Wirkungen auslösen.
Wenn der Sinn des Lebens unsere innere Entwicklung ist, die Gottesverwirklichung, die Erleuchtung, das Nirwana, das Paradies oder wie man es auch bezeichnet, so wird uns alles gegeben, was uns diesem Ziel näherführt. Da jeder Mensch sich an einem anderen Punkt des Weges zum Göttlichen befindet – gewissermaßen in einer anderen Klasse der Lebensschule – wäre es sinnlos, wenn uns allen bei gleicher Ursache das Gleiche zufiele. […]
Freier Wille und Vorbestimmung sind also zwei Seiten der gleichen Medaille. Unser Schicksal unterliegt zwar den Gesetzmäßigkeiten von Ursache und Wirkung, somit einer gewissen Vorbestimmung; dank unseres freien Willens können wir es jedoch jeden Tag verändern und in eine neue Richtung lenken. Es ist nur unser begrenzter Verstand, der vermeintliche Gegensätze sieht und versucht, das eine oder das andere auszuschließen. Im Absoluten ist jedoch beides gleichzeitig vorhanden, im Göttlichen gibt es keinen Widerspruch.

Aus Kapitel 6: Unsere Innere Stimme
[...]
Wir alle besitzen die Innere Stimme – ebenso wie wir alle eine Seele besitzen – und dieser „sechste Sinn“ ist bei dem einen Menschen nicht besser ausgebildet als bei einem anderen, wie es auf die Körpersinne (Hören, Sehen usw.) zutrifft. Wenn wir meinen, sie spreche nicht zu uns, so liegt es daran, dass sie sich oft nur sehr leise, nicht klar und deutlich äußert, auch nicht mittels Worten und der uns vertrauten Sprache, sondern vielmehr mit Empfindungen, unbestimmten Wahrnehmungen, inneren Zeichen. Zudem wiederholt sie sich nicht unmittelbar, wenn wir ihr nicht sogleich gehorchen.
Deshalb ist sie einerseits nicht leicht zu vernehmen und andrerseits, selbst wenn wir „etwas“ hören oder spüren, nicht so eindeutig von anderen Stimmen in uns (des Verstandes, der Emotionen) zu unterscheiden. Ihre „Sprache“ zu verstehen, kann man indes üben, kennt man einmal ihre Eigenheiten. Die Fortschritte sind dabei beachtlich, denn der Lernprozess verläuft nicht linear, sondern exponentiell. Das heißt: Die ersten Schritte sind unsicher, zaghaft, bescheiden und bestehen in einem bewussten Bemühen, aufmerksam und wach zu sein. Je häufiger wir unsere Innere Stimme aber erkennen und ihr gehorchen, desto deutlicher spricht sie. Bis wir uns überhaupt nicht mehr anstrengen müssen und sie zu einem vertrauten ständigen Begleiter wird. Umgekehrt wird sie leiser und leiser, wenn wir sie missachten.
Die Innere Stimme meldet sich unaufgefordert, und zwar immer dann, wenn wir im Begriff sind, das Falsche zu denken, zu sagen oder zu tun. Sie meldet sich nicht, um uns zu bestätigen: „Das machst du richtig, weiter so!“ Deshalb gilt: Solange wir nichts hören, gehen wir davon aus, dass unsere Seele billigt, was wir gerade denken, sagen oder tun. […]

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Leseprobe aus "Alltägliches Handeln im spirituellen Geist – Sonnwandeln Band 2 " von Karin Jundt

Aus Kapitel 1: Viele Ängste, eine Angst. Ausweg Urvertrauen.
[...]
Endgültig besiegen wir die Urangst nur durch das Urvertrauen. Spirituell betrachtet, kommt jeder Mensch mit einem angeborenen Urvertrauen auf die Welt; es ist in jeder Seele vorhanden als das Vertrauen ins Göttliche, das unser Leben trägt und lenkt und für uns sorgt. Wachsen wir als Kind einer liebenden, behütenden Familie auf, so bleibt uns dieses Urvertrauen noch eine ganze Weile erhalten. Wir haben ja erlebt, dass wir aufgehoben sind und alles Notwendige bekommen, was uns ein grundlegendes Vertrauen ins Leben vermittelt.
Später allerdings, vor allem wenn das Ego erstarkt und wir die Erfahrung machen, dass sich nicht alle unsere Wünsche erfüllen, wir vielleicht auch von sogenannten Schicksalsschlägen heimgesucht werden, kann diese Zuversicht nachlassen und die Urangst deren Platz einnehmen. Doch selbst wenn wir meinen, das Urvertrauen sei uns verloren gegangen, so ist es in der Seele noch lebendig; wir nehmen es nicht wahr, weil wir im Ego und nicht in der Seele leben. Automatisch kehrt es in der Regel nicht zurück, aber wir können es ins Bewusstsein zurückholen durch einen Erkenntnisprozess, bei dem wir an uns arbeiten und uns bemühen. Es ist ein lohnendes Ziel, denn es ist die einzige wirksame und anhaltende Möglichkeit, um uns von unserer Urangst und damit von allen alltäglichen Ängsten zu befreien und in diesem Leben sorglos glücklich zu sein. Und für Menschen auf dem spirituellen Weg unerlässlich: Wie könnten wir uns dem Göttlichen bedingungslos ergeben und noch unter Ängsten leiden? Ein echtes spirituelles Vorankommen ist in der Tat nicht möglich, solange wir uns der Angst unterwerfen. […]

Aus Kapitel 2: Die Macht der Gewohnheit
Die Angst vor Veränderung ist eine weit verbreitete Eigenschaft. Was wir kennen, ist uns vertraut und wir können damit umgehen, selbst wenn es uns nicht guttut. Das Neue, Unbekannte ist hingegen immer mit Risiko behaftet: Wer weiß, ob es wirklich besser ist und wir dann damit zurechtkommen? Ferner zweifeln wir manchmal an unseren Fähigkeiten, unserer Willenskraft und Beharrlichkeit.
Unser Wunsch, etwas zu ändern, ist deshalb mitunter zwiespältig: Einerseits möchten wir, andererseits fürchten wir uns davor und/oder trauen es uns nicht richtig zu. Somit ist unser Entschluss nicht vollkommen ehrlich, unsere Willenskraft besitzt nicht die absolute Bestimmtheit, wir stehen, oft lediglich unbewusst, bloß halbherzig dahinter. Manchmal verrät es bereits unsere Ausdrucksweise. In „Ich möchte mich ändern“ schwingt ein Aber mit: „… aber ich habe Angst davor“ oder „… aber ich weiß nicht, ob ich es schaffe“. Wie anders hört sich doch an: „Ich will und ich werde mich ändern!“
Dabei sollten wir uns vor allem auf unser Urvertrauen stützen und uns dem göttlichen Plan überlassen, der uns zu dem führt, was gut für uns ist. Es ist nämlich eine tiefe Erkenntnis mystischer Wege, außer bei gewissen buddhistischen, dass sich der Mensch nicht (nur) durch eigenes Bemühen erlösen kann; er muss auf die göttliche Gnade vertrauen. […]

Aus Kapitel 4: Du sollst nicht lügen!
[…] Auch wenn wir immer wieder einmal für uns in Anspruch nehmen zu lügen, um einen Mitmenschen nicht zu verletzen, damit er sich nicht sorgt und mehr – scheinbar edle Motive –, entspricht dies nur selten der Wahrheit. Dahinter steckt meistens entweder unsere eigene Unfähigkeit, jemanden leiden zu sehen, oder unsere Angst, nicht mehr geliebt zu werden.
In der Tat ist alles außer der blanken Wahrheit eine Lüge. Notlügen, harmlose Schwindeleien, gerechtfertigte Lügen, gibt es, spirituell gesehen, nicht. Eine Lüge ist immer eine Lüge. Und sie kommt uns so leicht über die Lippen! Dutzende Male jeden Tag, sei es wenn wir bewusst Fakten leicht verdrehen oder unpräzise formulieren, etwas Entscheidendes weglassen, sei es wenn wir Ja sagen und Nein meinen oder umgekehrt.
Jesus hat gelehrt, wir sollen keine Eide schwören – wieso eigentlich, was ist schlecht an einem Eid? Ganz einfach: Die Tatsache, dass wir bei bestimmten Gelegenheiten schwören, die Wahrheit zu sagen, impliziert doch – und legitimiert gewissermaßen –, dass wir für gewöhnlich nicht die Wahrheit sagen. „Das Ja ein Ja, das Nein ein Nein”, forderte Jesus und meinte damit: „Sagt doch einfach, was Sache ist, sprecht immer die Wahrheit.” […]

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Leseprobe aus "Über allem die Liebe – Sonnwandeln Band 3 " von Karin Jundt

Aus Kapitel 3: Muss ich Vater und Mutter unbedingt ehren?
Bestimmte Verhaltensmuster lassen sich über mehrere Generationen beobachten. […] Wie die Großmutter, so die Mutter, so die Tochter… Und diese Tochter gibt die entsprechende Eigenschaft eines Tages an ihr Mädchen weiter, falls sie den Teufelskreis nicht vorher durchbricht. Deshalb ist es wichtig, für die Verhaltensmuster unserer Eltern wachsam zu sein und mit absoluter Ehrlichkeit in uns hineinzuschauen, um sie bei uns selbst zu entdecken und zu verändern. Oft sind es die Eigenschaften, die uns bei unserer Mutter oder unserem Vater am meisten missfallen oder uns schon als Kind unangenehm aufgefallen sind, die auch in uns mehr oder minder bewusst schlummern oder sich manifestieren.
Selbstverständlich tritt auch das Umgekehrte auf, beispielsweise dass ein Kind ängstlicher Eltern oder eines ängstlichen Elternteils ein waghalsiger Draufgänger wird, das Kind von emotional blockierten Eltern extrem starke Gefühlsregungen zeigt. Vielleicht geschieht dies innerhalb des göttlichen Plans genau aus dem Grund, damit solche Verhaltensketten gesprengt werden und eine Veränderung möglich wird, die sich dann vielleicht auch auf die voran­gehende Generation auswirkt. […]
Es gibt den Glauben, dass nicht nur jedes Individuum dem Karma-Gesetz unterstellt ist, sondern auch Gemeinschaften von Individuen, wie eine Familie, eine Sippe, eine Stadt, ein Land, ein Kontinent, gar der ganze Planet (innerhalb des Universums) einem kollektiven Karma unterliegen. Wie bei allen Gedankenmodellen lässt sich nicht abschließend sagen, ob es der Wahrheit entspricht oder nicht, was jedoch nicht wichtig ist. Für uns zählt nur, ob dieser Glaube uns auf unserem spirituellen Weg weiterhilft oder nicht.
Können wir auch mit der Vorstellung eines Stadtkarmas oder eines Landeskarmas persönlich vielleicht nicht viel anfangen, so ist das Familienkarma doch eine Theorie, die sich näher zu betrachten lohnt. Bekannt von alters her sind beispielsweise Flüche, die auf einer Abstammungslinie lasten, wovon der bekannteste wohl die biblische Erbsünde ist. Vermutlich haben wir alle schon beobachtet, wie gewisse Familien immer wieder von Schicksalsschlägen heimgesucht werden, viele ihrer Mitglieder fortwährend „Pech“ im Leben haben; bei anderen Familien hingegen treten kaum nennenswerte Schwierigkeiten auf, die Kinder sind wohlgeraten, das Leben verläuft zufriedenstellend.
Ob nun aufgrund eines Familienkarmas, genetisch bedingt oder durch Erziehung: Wir sind gewissermaßen mit fremden Schicksalen verstrickt. Selbstverständlich ist uns dies nicht von irgendwelchen bösen Mächten auf­erlegt, um uns zu quälen, sondern dient nur unserer inneren Entwicklung. Wir wurden in die Familie und Umgebung geboren, die sich am besten für unsere Lebensaufgaben eignet, und mit allen Fähigkeiten und Hilfen ausgestattet, um unsere Situation zu bewältigen und daraus zu lernen. […]

Aus Kapitel 4: Liebe ist kein Deal.
[…] Eine falsche Annahme und die daraus entstehende Verhaltensweise, welche die Paarbeziehung belastet, beruht auf dem erwähnten Vertragsdenken. Wir bringen uns selbst in die Beziehung ein, geben viel, wollen da­für aber auch et­was bekommen, die Beziehung mit dem Partner muss uns glücklich machen. Ich erinnere daran: Die dauerhafte Zufriedenheit finden wir ausschließlich in uns selbst, wir dürfen sie nicht von äußeren Umständen abhängig machen oder sie delegieren, und wahrhaft glücklich werden wir nur durch Wunschlosigkeit. Auch in unserer Liebesbeziehung. […]
Ein anderer Aspekt des Liebesdeals: Wir wollen nicht nur Liebe bekommen, sondern – und dieser Wunsch ist manchmal sogar stärker – Liebe geben. Wollen ist das entscheidende Wort. Es handelt sich um ein egoisches Element, das wir ablegen sollten. Nimmt der geliebte Mensch unsere Liebe nämlich nicht wahr oder nicht an oder zeigt sich nicht dankbar (genug) dafür – eine Liebe, die wir ausdrücken als Umsorgen bis Uns-Sorgen-um-ihn-machen, als Beraten bis zum Besser-wissen-was-für-ihn-gut-ist, als Zusammensein bis zum Nicht-von-ihm-lassen-können –, so fühlen wir uns verletzt und verzeihen es ihm nicht. Es fällt uns stets schwer zu akzeptieren, dass er nicht alles haben möchte, was wir ihm schenken wollen. […]
Bis dass der Tod euch scheidet, wie es so schön heißt. Wir wünschen es uns normalerweise beim Eingehen einer Beziehung, was absolut menschlich und verständlich und im normalen Leben überaus positiv ist. Was wir tun können, damit die Beziehung hält, habe ich in diesem Kapitel schon an verschiedenen Stellen erörtert, auch unter Einbezug weltlicher Aspekte. Aus spiritueller Sicht stellt sich allerdings die Frage, ob diese lebenslange Beziehung in jedem Fall dem göttlichen Plan entspricht. Wandern wir nämlich auf einem spirituellen Weg und ist unser Ziel und Lebenssinn das Göttliche, die Erleuchtung, die Gottesverwirklichung oder wie wir es nennen wollen, so könnten für unsere innere Entwicklung bestimmte Erkenntnisse erforderlich werden, die wir mit diesem Partner nicht erlangen können, für die er möglicherweise sogar hinderlich ist. Eine der Erfahrungen, die uns weiterbringen, ist vielleicht der Schmerz der Trennung oder der Kampf einer Scheidung und Ähnliches. Oder wir brauchen einen anderen Menschen an unserer Seite, um Neues zu erkennen und zu lernen und an gewissen Herausforderungen zu wachsen.

Aus Kapitel 5: Scheiden tut weh! Trennung und Tod
Immer wieder erfahren wir in unserem Leben, wie ein nahestehender Mensch uns verlässt: Im Kleinkindesalter ist es die Mutter oder eine andere Bezugsperson, die sich aus unserer erfassbaren Umgebung entfernt, wenn auch nur vorübergehend; später ein lieber Schulkamerad, der wegzieht, oder die beste Freundin, die sich von uns abwendet zu einer anderen besten Freundin hin; als Teenager erleben wir das Zerbrechen der ersten Liebe und als Erwachsene dann die Trennung einer langjährigen Beziehung.
Die Gründe für den Schmerz des Verlassenwerdens sind vielschichtig und individuell ausgeprägt; nachfolgend gehe ich den häufigsten auf den Grund.
• Der ungewollte stete Wandel. Unser Dasein ist geprägt von einem Kommen und Gehen geliebter Menschen, als stünden wir selbst wie ein Fixpunkt auf einem belebten Marktplatz, Leute sich eine Zeitlang zu uns gesellten und dann weiterzögen. Erleben wir solches tatsächlich auf dem Marktplatz, sind wir nicht traurig, frustriert, enttäuscht, verletzt oder verbittert über diesen ständigen Wechsel; im echten Leben hingegen fallen uns das Nichtanhaften und das Loslassen extrem schwer, wir akzeptieren den Fluss des Lebens mit seinem steten Wandel nicht, wollen festhalten, was bereits vorbei ist.
• Das Alleinsein und die Veränderung. Meistens mögen wir Veränderungen nicht: Es ist immer ein Schritt ins Unbekannte, bei dem wir nicht genau wissen, was uns erwartet, und sie fordern von uns äußere und innere Umstellungen und Entwicklungen. Das Ego wehrt sich deshalb dagegen und reagiert mit starken Emotionen wie Wut, Frustration, Niedergeschlagenheit und mehr. Besonders der Wechsel von der Zweisamkeit zum Alleinsein wirft uns, zumindest in der ersten Zeit, auf uns selbst zurück und das kann sich recht unangenehm anfühlen. Je weniger wir in uns zentriert und geborgen sind, umso wichtiger war der Bezugspunkt außerhalb von uns, der uns sozusagen von uns selbst ablenkte; nach der Trennung sind wir nur noch auf uns selbst ausgerichtet und es kann einiges aus dem Unbewussten auftauchen, was bisher „stillgelegt“ war und sich jetzt aufdrängt. Diese Auseinandersetzung mit alten Themen kann Leiden verursachen. Es beruht zwar nicht direkt auf der eigentlichen Trennung, doch oft unterscheiden wir das nicht und führen alles auf die gegenwärtige Situation zu­rück, die wir dann als umso leidvoller empfinden.
• Der Angriff auf das Selbstwertgefühl. Jedes Mal, wenn ein Mensch uns willentlich verlässt, stellen wir uns Fragen wie: „Was habe ich falsch gemacht? Warum zieht er andere mir vor? Bin ich es nicht wert, dass er mit mir zusammen ist? Bin ich langweilig, hässlich, dumm, humorlos, …? Was werden meine Familie, Freunde, Kollegen, … denken?“ und ähnliche. Verlässt uns jemand, beziehen wir es stets auf uns selbst, nehmen es persönlich. Das greift das Selbstwertgefühl an und tut weh. Doch jede Aussage, Entscheidung und Handlung eines Menschen hat ausschließlich mit ihm selbst zu tun, sie stammt aus seinem Unbewussten, seiner „Programmierung“ und ist nicht auf andere gerichtet – wir sind nur das Objekt, mit oder an dem es sich abspielt.

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Leseprobe aus "Ich liebe mich selbst und mache mich glücklich " von Karin Jundt

Aus Kapitel III
[...]
Halten wir diese Erkenntnisse fest und machen wir uns die Konsequenzen deutlich bewusst:
• Wir verhalten uns nach Regeln und Normen und bewerten uns nach Kriterien, die erstens nicht die unserer eigenen Natur und zweitens nicht universell gültig sind: Die Bezugspersonen, die uns seinerzeit programmierten, waren selbstverständlich nicht im Besitz der absoluten Wahrheit; es handelt sich um gewöhnliche Sterbliche mit persönlichen Vorlieben und Abneigungen, die sie an uns weitergegeben haben.
• Wir haben ein Bild unseres vermeintlichen Ichs, das uns durch die subjektive Wertschätzung anderer vermittelt wurde; es entspricht keineswegs dem wahren Ich unseres Wesens und unseres Potentials. Ferner haben wir aufgrund des in uns einprogrammierten Wertesystems ein Bild des idealen Ichs, das wir uns zum Vorbild nehmen und dem wir nacheifern.
• Daraus folgt: Je nachdem, wie sehr wir uns in Übereinstimmung mit diesem Idealbild wahrnehmen und es uns gelingt, die in uns gespeicherten Normen und Regeln einzuhalten, fällt unsere Eigenbewertung besser oder schlechter aus und dementsprechend ist unser Selbstwertgefühl stärker oder schwächer. Dabei lassen wir völlig außer Acht, dass wir normale Menschen mit normalen Unzulänglichkeiten sind und es uns unmöglich gelingen kann, dieses aufgezwungene Vollkommenheitsideal zu verwirklichen, zumal es möglicherweise im Widerspruch zu unserer Natur steht. [...]

Aus Kapitel VI
[…]
Lieben wir einen anderen Menschen, so spüren wir es: Schmetterlinge im Bauch, ein Gefühl von Wärme im Herzen, von Innigkeit, Vertrautheit. Und schließlich wissen wir es doch einfach, wenn wir jemanden lieben. Nicht so bei uns selbst. Unsere Selbstliebe fühlen wir in der Regel nicht; wir erahnen sie vielleicht anhand einer tiefen Zufriedenheit ohne äußeren Anlass, wenn die Welt für uns in Ordnung ist, wir eins mit uns selbst sind, beim Fehlen von inneren Konflikten und Zerrissenheit, wenn Frieden, Wohlbefinden, Zuversicht uns durchströmen. Es gibt also Anzeichen dafür, doch sie sind vage, sodass wir sie meistens nicht mit Selbstliebe in Verbindung bringen. Und selbst wenn, sind diese Symptome zu unspezifisch, als dass wir anhand von ihnen eine gefestigte, konstante Selbstliebe aufbauen und stärken könnten.
Um das Ausmaß unserer Selbstliebe oder, umgekehrt, unseren Mangel an Selbstliebe festzustellen, brauchen wir konkretere Symptome, und zwar solche, die wir, nachdem wir sie erkannt haben, auch „behandeln“ können. Diese beruhen, wie könnte es anders sein, auf dem urmenschlichen Bedürfnis nach Liebe, was Folgendes impliziert:
•Je weniger wir uns die ersehnte Liebe und Wertschätzung selbst schenken, desto mehr sind wir darauf angewiesen, ja davon abhängig, sie von anderen zu bekommen.
•Die Angst, nicht geliebt oder abgelehnt, zurückgewiesen, ausgegrenzt zu werden, ist eine unserer größten Ängste.

Mit anderen Worten: Viele unserer Verhaltensweisen hängen mittelbar oder unmittelbar mit unserer Sehnsucht nach Zuwendung, Liebe und Anerkennung beziehungsweise mit der Angst, diese nicht zu bekommen oder wieder zu verlieren, zusammen. Analysieren wir unser Verhalten, so verrät es uns recht anschaulich, wie es um unser Selbstwertgefühl und unsere Selbstliebe steht. Und dieses Verhalten können wir anschließend ändern – wir heilen die Symptome und besiegen dadurch die Krankheit „Mangel an Selbstliebe“.

Aus Kapitel VIII
Anleitung zur Veränderung von Verhaltensweisen
A. Schau dir in der Liste der Verhaltensweisen diejenigen an, bei denen
du dein Kreuz näher bei oft gesetzt hast.
Such dir eine aus, an der du in nächster Zeit arbeiten willst. Eine einzige. Und es soll nicht die schwierigste sein. Wähle eine, von der du denkst: „Das würde ich wirklich gerne an mir ändern, das bereitet mir so viele Probleme im alltäglichen Leben.“ Oder eine, bei der du glaubst, dass du relativ schnell und ohne großen inneren Kampf zum Ziel kommst. Denn auch bei unseren guten Vorsätzen und den uns selbst gestellten Aufgaben sollen wir lieb zu uns sein, uns nicht überfordern und es uns nicht schwerer als unbedingt nötig machen. [...]
B. Ruf dir eine konkrete Begebenheit in Erinnerung, in der du dich so verhalten hast. Spiel in Gedanken durch, wie du dich anders hättest verhalten wollen. [...]
Mit der Zeit wirst du feststellen, dass sobald du in eine solche Situation gerätst, bei dir eine Art Warnlampe aufleuchtet, eine innere. Am Anfang wirst du sie vermutlich noch nicht wahrnehmen, es manchmal erst zu spät merken und nach dem alten Muster handeln. Das macht nichts, das ist normal. Falls dies geschieht, sagst du dir, nachdem du es gemerkt hast, liebevoll: „Na gut, ich hab’s verpasst. Es wird eine neue Chance kommen und dann bemühe ich mich wieder, ich versuche es erneut, ich gebe nicht auf. Ich weiß, irgendwann schaffe ich es!“ Denk immer daran, dass solche Muster tief in uns eingraviert sind. Wir werden aus dem Unbewussten gesteuert, weshalb wir schon gehandelt haben, bevor wir überhaupt hätten darüber nachdenken können, was sagen oder tun. Mach dir keine Sorgen, es geht uns allen so. Es wird x Versuche brauchen, bis du es rechtzeitig merkst und bewusst reagieren kannst. Sei dann ruhig stolz auf dich! Aber verurteile dich nicht, wenn du das nächste Mal die Gelegenheit wieder verpasst: Ein einmaliges Gelingen bewirkt noch keine nachhaltige Veränderung. Es ist ein Lernprozess unseres Unbewussten, mit Erfolgen und Rückschlägen, wie bei allem, was wir neu lernen, sei es Radfahren oder eine Fremdsprache; manchmal geht es besser und manchmal nicht so gut. Aber irgendwann ist das alte Muster mit dem neuen „überschrieben“ und du wirst dich fortan automatisch in der neuen Weise verhalten.
Ich will dir keinen Zeithorizont angeben. Es kann einige Wochen, aber auch Monate dauern. Es geschieht zuweilen sogar, dass du nach Jahren, wenn du eine Verhaltensweise im Prinzip längst überwunden hast, wieder einmal darauf hereinfällst. Das passiert uns allen, besonders in Situationen, bei denen starke Emotionen mitspielen, oder in einer Konstellation, in der wir einst zu wenig Selbstwertgefühl hatten, oder bei Erlebnissen, die wie eine exakte Wiederholung früherer Ereignisse ablaufen. Sei auch dann lieb mit dir selbst, akzeptiere es. Du darfst unendlich oft die gleichen Erfahrungen machen und bekommst immer wieder eine neue Chance.
Und bau dich an deinen Fortschritten auf, sind sie noch so gering. Überbewerte die Rückschläge nicht. Wir neigen leider dazu, unsere sogenannten Misserfolge durch ein Vergrößerungsglas zu sehen und unsere Erfolge durch ein Verkleinerungsglas. Wir stellen unser Licht oft unter den Scheffel. Aber wir sollen uns nicht klein machen! Steh ruhig – vor allem vor dir selbst – auch zu dem, was du gut machst, was du gelernt hast, worin du eine positive Veränderung siehst. Wir dürfen das, wir dürfen stolz auf uns sein. [...]

Aus Kapitel VIII
Es gibt im Grunde genommen ein einziges schwerwiegendes Hindernis auf dem Weg zur Selbstliebe: die Angst. Die Angst, nicht zu genügen, „Fehler“ zu machen, jemanden zu verärgern, einen Freund zu verlieren und tausend Ängste mehr. Wie schon gesagt, handelt es sich fast immer um die Urangst, nicht geliebt zu werden.
Unsere Ängste bremsen uns deshalb, weil wir in Gedanken Situationen vorwegnehmen und uns ausmalen, was alles passieren wird, wenn wir uns so und so verhalten. Daraufhin denken wir: „Das kann ich nicht machen, das geht nicht, das schaffe ich nicht, das kommt nicht gut“ und weichen aus… verschieben… geben auf…
Ich will gar nicht verschweigen, dass Konflikte mit unseren Mitmenschen entstehen können, wenn unsere Selbstliebe erstarkt. Wir werden nämlich für sie unbequem, wenn wir anfangen, Nein zu sagen, häufiger zu unserer Meinung stehen, vermehrt wir selbst sind. Zweifellos war es für sie vorher einfacher mit uns umzugehen, als wir uns nichts trauten vor lauter Angst, ihre Anerkennung, Wertschätzung, Liebe zu verlieren, und wir uns jeweils ihrem Willen beugten, um sie nicht zu enttäuschen oder zu verletzen.
Einige Menschen deines Umfelds werden vielleicht so reagieren wie eine recht dominante Freundin von mir, als ich begann, mich zu wandeln und ihr zu widersprechen. Sie sagte eines Tages zu mir: „Du hast dich sehr verändert“, schaute mich dabei vorwurfsvoll an und fügte hinzu, jedes Wort betonend: „Aber nicht zu deinem Bessern.“ Ich war damals stolz auf mich, als ich es hörte, und seit Langem gehört diese Frau nicht mehr zu meinem Freundeskreis.
Es kann in der Tat passieren, dass wir einen Freund verlieren. Aber was sind das für Freunde, die dir nur zugetan sind, solange du dich ihren Erwartungen und Forderungen fügst? Lass sie ziehen, an ihnen hast du nichts verloren. Ich habe es ja in einem vorangehenden Kapitel schon geschrieben, aber ich wiederhole es: Für jeden dieser Freunde, die du verlierst, findest du einen neuen, einen wahren Freund, einen, der dich respektiert, genau weil du du selbst bist.

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Leseprobe aus "Ich liebe mich selbst 2 " von Karin Jundt

Aus Kapitel 7: Vermeide Schuldzuweisung und vergib dir alles
[...]
Diese Neigung, die Verantwortung, ja die Schuld auf jemanden oder auf die Umstände zu schieben, kann unter anderem auf einen Mangel an Selbstwertgefühl zurückzuführen sein. Müssten wir uns nämlich eingestehen, dass wir etwas falsch gemacht haben, und sei es nur ein harmloser Fehltritt, eine Unachtsamkeit, eine Nachlässigkeit, so könnten Gedanken des Versagens und Selbstvorwürfe aufkommen. Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl leiden oft darunter und werden ihre herabwürdigenden Empfindungen dann kaum mehr los: „Schon wieder habe ich etwas falsch gemacht. Nicht einmal das kann ich. Es geschieht mir ganz recht.“
Andere zu beschuldigen rührt aber teilweise auch daher, dass wir auf keinen Fall riskieren wollen, von Mitmenschen wegen unserer „Fehler“ schlecht beurteilt zu werden. Deshalb weisen wir die Verantwortung von uns, bevor jemand auf die Idee kommt, uns zu beschuldigen. Die Argumente unserer Selbstverteidigung sind mitunter völlig an den Haaren herbeigezogen. Doch das stört uns nicht, wir beharren jeweils uneinsichtig darauf – denn ohne Geständnis muss man uns aus Mangel an Beweisen freisprechen.
Das umgekehrte Phänomen lässt sich, wie mir scheint, bei Menschen mit einem schwachen Selbstwertgefühl noch häufiger beobachten: Sie übernehmen für alles die Verantwortung. Und fühlen sich tatsächlich schuldig.
Sie trauen sich selbst nicht zu, etwas zu können, es richtig zu machen, sodass sie die Schuld augenblicklich bei sich suchen, sobald etwas schiefgeht. Wenn ich die obigen Beispiele wieder aufgreife: Bei einem Schnupfen sind sie davon überzeugt, sich zu wenig warm angezogen zu haben; beim Absterben der Pflanze haben sie ihr den falschen Dünger gegeben; die Karten für das Konzert sind ausverkauft, weil sie zu lange gezögert haben; und die Tasse ist kaputtgegangen wegen ihrer Schusseligkeit.
Muss es denn immer einen Schuldigen geben? Ist es nötig, ihn immer zu suchen und als solchen zu bezeichnen? Wie­so nehmen wir eine Gegebenheit nicht einfach zur Kenntnis und lassen sie so stehen?
Selbst wenn wir objektiv einen Fehler gemacht haben: Es genügt, ihn zu erkennen und daraus zu lernen. Ohne uns als entwertet oder Versager zu empfinden, ohne Selbstvorwürfe und Schuldgefühle. Niemand ist vollkommen, wir alle machen Fehler. Diese vor uns selbst und vor anderen einzugestehen, ist ein Zeichen eines gesunden Selbstwertgefühls. Und es ist ein Zeichen von Weisheit, daraus zu lernen. Alles andere ist überflüssig und schädlich.
[...]

Aus Kapitel 11: Denk nicht so viel.
[...]
Die Übungsaufgabe
Du stellst das überflüssige Denken ab, verweigerst dich Gedankenspiralen und inneren Dialogen, die sich mit Vergangenem oder Zukünftigem befassen.
Es ist nicht das Ziel dieser Aufgabe, vollständig leer zu werden von jeglichen Gedanken und Empfindungen wie bei der Meditation. Fang mit einem ersten Schritt an und beseitige zunächst einmal die unerwünschten, belastenden und leidvollen Gedanken, und dies jeweils sofort, kaum dass sie aufkommen.
Dazu gibt es mehrere Methoden, die du einzeln oder kombiniert anwenden kannst; finde heraus, was dir am leichtesten fällt und am besten wirkt.
• Du sagst zu Gedanken und Empfindungen klar und bestimmt: „Nein! Ihr gehört nicht zu mir, weg mit euch!“ und stellst dir bildlich vor, wie sie aus dir hinausgehen.
• Du stellst dir bildlich vor, wie der gegenwärtige Ge­danke nicht „steht“, sondern an dir vorbeifliegt und du ihn nur kurz und emotionslos, als ein Außenstehender, anschaust und dann ziehen lässt.
• Du schreibst deine quälenden Gedanken auf einen Zettel und wirfst ihn in einer Art Ritual weg (in den Müll, ins Wasser, ins Feuer, …).
• Du rezitierst unaufhörlich ein Gebet, ein Mantra oder eine Affirmation.
• Du beschäftigst dein Gehirn anderweitig: Du richtest die ganze Aufmerksamkeit auf einen beliebigen Gegenstand in deinem Blickfeld und beschreibst ihn dir gedanklich in den kleinsten Details (beispielsweise die Maserung eines Holztisches, die fein geaderten Blätter eines Zweigs, das bunte Display des Handys, ein Gemälde, …).

Allerdings sind Gedanken hartnäckig und kommen gerne zurück. Es ist überaus wichtig, sie jedes Mal von Neuem so­fort abzustellen. Sofort, das ist entscheidend. Er­Lauben wir uns nämlich, dem ersten Gedanken nachzuhängen, so geraten wir in seinen Strudel und schaffen es meistens (lange) nicht mehr, wieder daraus aufzutauchen.
Das ist anstrengend und du brauchst Willenskraft, Disziplin und Übung. Jedes Mal, wenn es dir gelingt, wirst du aber mit Freude feststellen, dass augenblicklich auch die mit den Gedanken einhergehenden leidvollen emotionalen Regungen verschwinden. Allein deshalb lohnt es sich, die Mühe auf dich zu nehmen und den aufkommenden Gedanken immer wieder „Nein!“ zu sagen.
[...]

Aus Kapitel 17: Lebe ohne Lüge
[...]
Es gibt eine offene Art und Weise, etwas zu sagen, klar und unmissverständlich. Und es gibt eindeutige Lügen. Da­zwischen liegen unzählige Graustufen: Rechtlich betrachtet handelt es sich nicht um Lügen, de facto kommen sie aber solchen gleich. Dazu gehören:
• Andeutungen. Wenn wir etwas mitteilen möchten, uns je­doch nicht trauen, flüchten wir gerne zu Formulierungen, die verschiedene Interpretationen zulassen und uns nicht festnageln – wir können jederzeit behaupten, es ganz anders gemeint zu haben.
• Herausgerutschtes. Sollten wir etwas, obwohl wahr, besser verschweigen, beispielsweise weil es beleidigend oder verletzend ist und dieses Wissen dem Mitmenschen nichts nützt und nur schadet, so lassen wir es entschlüpfen. Darnach können wir es zwar nicht zurücknehmen, gesagt ist gesagt, doch wir können uns gewissermaßen rein­waschen – und darin liegt die Lüge –, in­dem wir uns rechtfertigen: „Sorry, es ist mir einfach herausgerutscht“ oder es scheinbar ungeschehen machen wollen: „Vergiss, was ich gesagt habe“.
• Geschickte Formulierungen und Verschweigen. Bei vielen Aussagen lässt sich durch die Wortwahl oder das Auslassen einzelner Fakten eine „richtige“ Lüge vermeiden. In Reden von Politikern finden wir gute Beispiele dafür.
• Humor, Ironie. Eine weitere Methode, etwas nicht klar zu sagen, besteht darin, es scherzhaft oder ironisch zu äußern. Den Angesprochenen versetzen wir dadurch in eine schwierige Lage: Er weiß nicht, ob er es ernst nehmen soll oder nicht. Und wir können uns immer herausreden mit einem „Das war nur Spaß!“ oder „Es war doch ironisch gemeint!“. Das ist eine unfaire Art der zwischenmenschlichen Kommunikation.
Selbstverständlich lässt sich manchmal eine harte Aussage durch Humor entschärfen, was durchaus zu begrüßen ist, doch über den Inhalt des Gesagten dürfen keine Zweifel oder Missverständnisse entstehen.
• Nonverbale Lügen. Wir versuchen einen Eindruck zu er­wecken, der nicht den nackten Tatsachen entspricht, beispielsweise wenn wir beim Vorbeigehen an einem Straßencafé den Bauch einziehen.
Es geht hier nicht da­rum, ob und wie verwerflich diese Art zu lügen ist, sondern um das Selbstwertgefühl und die Selbstliebe: Wir müssen den Mut aufbringen, uns so zu zeigen, wie wir sind, und die Beurteilung der Mitmenschen nicht fürchten.
[...]

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Leseprobe aus "Karma Yoga" von Karin Jundt

Aus der Einleitung
[...]
Mein Hauptanliegen ist indes, einen leicht verständlichen und im Alltag anwendbaren Leitfaden anzubieten; allzu oft sind nämlich Bücher wohl interessant und lehrreich, doch man vermisst darin klare, nachvollziehbare Anregungen, um das Erkannte und Gelernte in das tägliche Leben einzubauen. [...]
Mein „Karma Yoga“ will keine wissenschaftliche Arbeit sein; deshalb sind theoretische Erklärungen bewusst knapp gehalten, in möglichst einfacher Sprache und auf das Wesentliche beschränkt – auf das Wissen, das von praktischem Nutzen ist. Aus dieser Überzeugung schreibe ich auch nur über Erkenntnisse und Methoden, die ich selbst erfahren und gelernt habe und in meinem Alltag lebe (oder zu leben mich bemühe). Zudem beziehe ich weitere Aspekte mit ein, die sich in der Gita und im klassischen Karma Yoga so explizit nicht finden. Es versteht sich von selbst, dass es sich immer um meine persönliche Auffassung handelt und ich keinen Anspruch auf die absolute Wahrheit erhebe!
Der grösste Teil dieses Buches ist also unserem Dasein im Hier und Jetzt gewidmet, mit Beispielen und Übungen, um die neuen Blickwinkel ins eigene Leben zu integrieren. Es beleuchtet vor allem die Themen Urvertrauen, Selbstwertgefühl und Gleichmut – und natürlich das zentrale Element des Karma Yoga: unser Handeln. [...]

Aus Kapitel I: Der Lebensweg
Ungefragt werden wir in dieses Leben hineingestellt, wie Wanderer, die in einer dunklen Nacht unter dem Sternenhimmel an einem Wegrand erwachen, nicht wissen, wer sie sind, woher sie kommen, wohin sie gehen. Und so machen sie sich auf in ein unbekanntes, unabsehbares, spannendes Abenteuer…
Was suchen wir denn in diesem Leben? Was erwarten wir von ihm? Von uns selbst, von den Mitmenschen, der ganzen Umwelt? Welches sind unsere Ziele, unsere Wünsche, unsere Hoffnungen? Was ist uns wichtig? Warum müssen wir leiden? Worin liegt der Sinn? Gibt es überhaupt einen Sinn, ein Ziel, einen Weg?
Sehr früh schon, als Babys, lernen wir die beiden Gegensätze kennen, die unser gesamtes Leben prägen und bestimmen werden: Freude und Leid. Das Erste streben wir an, das Zweite wollen wir vermeiden. Unser Glück im irdischen Leben zu finden, ist unser Ziel – und es lässt sich durchaus erreichen, denn diese Chance ging nicht verloren, als Adam und Eva aus dem Garten Eden gejagt wurden.
Die Frage, die sich dabei stellt: Was, ganz konkret, macht uns denn glücklich, was unglücklich? Wir brauchen uns nur einige Menschen aus unserem Umfeld anzuschauen, um sofort zu erkennen: Alle haben unterschiedliche Vorstellungen, was zu ihrem Glück beiträgt und was ihm entgegensteht. Natürlich gibt es übergeordnete Werte, wie Gesundheit und materielle Sicherheit, auch die Erfüllung in Familie und Beruf, die wohl alle nennen würden.
[…]
Wir selbst wissen nicht immer, was zu unserer Zufriedenheit beiträgt und was sie uns nimmt. Wie oft haben wir uns etwas gewünscht und dann feststellen müssen, dass es uns Leid gebracht hat! Und entpuppte sich nicht auch schon etwas vermeintlich Negatives oder Unerwünschtes im Nachhinein als schön und bereichernd? Wir sind offenbar nicht in der Lage, genau zu bestimmen, was uns gut tut und was uns schadet – auf lange Sicht schon gar nicht, oft aber auch nicht in der unmittelbaren Zukunft.
Dazu kommt, dass wir das Leben nicht wirklich im Griff haben, wie wir meinen und gerne möchten. Wir können zwar Pläne schmieden, uns um ihre Verwirklichung bemühen, die Konsequenzen unserer Entscheidungen und Taten abschätzen, die Zukunft durch eine Analyse der gegenwärtigen Gegebenheiten vorwegnehmen – doch eine Garantie, dass es tatsächlich so kommt, wie wir es wünschen, planen, voraussehen, haben wir nie. Das Schicksal kann in jedem beliebigen Moment unsere Lebenslage in ihr Gegenteil wenden – zum sogenannt Guten wie zum sogenannt Schlechten. Wobei wir im ersten Moment oft das eine mit dem anderen verwechseln.

Aus Kapitel V: Handeln, ohne zu handeln
Es gibt Heilswege, die das Diesseits einzig als Voraussetzung für ein künftiges Jenseits sehen, in das wir nach dem physischen Tod eingehen. Deshalb betrachten sie das Glück in diesem Leben als zweitrangig oder sogar als hinderlich, und einige fordern den Rückzug aus der Welt. Doch wieso sollte das Göttliche unseren wunderbaren Kosmos und all das Schöne erschaffen haben, wenn wir uns davon abwenden müssten? Wäre es uns bestimmt, als Asketen und Einsiedler mit Entbehrung und Kasteiung zu leben, hätte das Göttliche die Erde dann nicht mit lauter Höhlen ausgestattet, in die sich jeder Mensch allein verkriecht? Wie könnte er sich so aber am Leben erhalten, wie die Menschheit fortbestehen und sich weiterentwickeln?
Wir sind auf dieser Welt, um zu handeln, nicht um untätig in Meditation und Versenkung zu verweilen, bis die Seele den Körper verlässt. Denn alles ist im Fluss und wir bewegen uns darin […]

Aus Kapitel VI: Die drei Pfeiler des sonnigen Daseins
Es sind zwei grundlegende Einsichten, die wir uns immer wieder bewusst machen müssen, um das Urvertrauen zu stärken.
1. Ich bekomme immer das, was ich brauche und mir gut tut. Unabhängig von meinem Streben und Bemühen, wird mir gegeben, was meine innere Entwicklung fördert, und es wird mir genommen, was sie hemmt. Ich besitze nicht die Macht, etwas zu erreichen, was nicht für mich bestimmt ist. Dies auf lange Sicht betrachtet, denn bei einem im wahren Sinne des Wortes kurzsichtigen Blickwinkel erhalte ich manchmal, was ich will – doch wenn es dem fernen Ziel entgegensteht, geht es mir wieder verloren oder wird mich so unglücklich machen, dass ich von mir aus einen anderen Weg einschlage.
2. Es kann mir nichts geschehen, was nicht gut für mich ist. Alles, was mir zustösst, verfolgt einzig den Zweck, mich etwas zu lehren, mir neue Erkenntnisse zu vermitteln, meine innere Entwicklung zu fördern. Dabei sind alle und alles meine Lehrer in dieser Lebensschule. Kein Mensch, keine Naturgewalt, kein Lebewesen besitzt die Macht, mir etwas anzutun, falls es nicht sein darf und meinem individuellen Lernprozess zuwiderläuft. Und wie sehr ich auch versuche, etwas zu meiden oder zu fliehen, ich kann nichts abwenden, was für mich bestimmt ist. Ich darf aber auch darauf vertrauen, dass mir nie mehr aufgebürdet wird, als ich zu tragen vermag.
Wenn wir diese beiden Grundsätze beherzigen: Worüber sollten wir uns Sorgen machen? Und wovor uns fürchten? Es besteht objektiv kein Grund dazu! Es kommt ohnehin immer so, wie es gut für uns ist.
[...]
Generell fühlen sich Frauen wie Männer selbstbewusster, wenn sie sich für gut aussehend halten, selbstsicherer, wenn sie reich und mächtig sind, sie zeigen mehr Selbstvertrauen, wenn sie von ihren Fähigkeiten und ihren Leistungen überzeugt sind. Aber sind Selbstbewusstsein, Selbstsicherheit und Selbstvertrauen tatsächlich mit Selbstwertgefühl gleichzusetzen? Ja und nein. Es sind in der Tat nur Nuancen, die zwischen den Bedeutungen liegen.
Wie auch immer: Es sind niemals irgendwelche Eigenschaften, die uns einen Wert verleihen. Ich bin wertvoll an sich, allein dadurch, dass ich ein menschliches Wesen bin, allein, weil ich existiere! Kein Vorzug, nicht einmal der edelste kann mir mehr Wert verleihen, als ich von Natur aus besitze, und kein Makel, nicht einmal der abscheulichste, kann meinen Wert vermindern, nicht um ein My.
Beziehen wir jedoch unseren Wert von Äusserlichkeiten, wie Eigenschaften, Besitz, Leistung oder Verhalten, braucht es nicht viel, dieses vermeintliche, unechte Selbstwertgefühl zu schwächen oder zu zerstören. Es genügen ein paar missbilligende Bemerkungen der Eltern, des Partners, des Chefs, der Kollegen. Die Vermutung, nicht geschätzt oder akzeptiert zu sein, reicht schon, damit wir uns schlecht fühlen. Ein Tuscheln hinter unserem Rücken, ein verächtlicher Blick – und unser Selbstbewusstsein schwindet. Mehrere Absagen auf Stellenbewerbungen – und das Selbstvertrauen ist dahin. Die Untreue des Partners – und die Selbstsicherheit ist am Boden zerstört. All dies zusammen innerhalb kurzer Zeit – und wir haben überhaupt kein Selbstwertgefühl mehr, halten uns für völlig wertlos, für unwürdige Würmer, die niemand liebt. Auch wir nicht.
Wem das echte Selbstwertgefühl fehlt, liebt sich selbst nicht. Wer sich nicht selbst liebt, muss sich von anderen lieben lassen, denn ohne Liebe können wir nicht leben. Das bedeutet: Wenn wir auf die Liebe anderer angewiesen sind, machen wir uns von ihnen abhängig, wir sind ihrem Wohlwollen ausgeliefert und ihrer Willkür. Wir leben in der ständigen Angst, ihre Liebe zu verlieren, und damit dies ja nicht geschieht, passen wir uns an, geben nach bis dahin, uns selbst untreu zu werden und unsere eigenen Bedürfnisse zu missachten.

Handeln trotz Angst!
Ängste sind wie Kletten, man kann sie nicht einfach abschütteln. Selbst wenn der Verstand uns sagt, dass eine bestimmte Furcht völlig unbegründet ist, selbst wenn wir sie mit aller Überzeugung bekämpfen – so leicht werden wir sie nicht los! Es gibt in der Tat nur eine Methode, mit einer bestimmten Angst umzugehen, damit sie mit der Zeit vollständig verschwindet: „Wenn du etwas nicht ohne Angst tun kannst, dann tue es halt mit Angst – aber tue es!“ Wir dürfen uns von ihr nicht von unserem Vorhaben abbringen lassen, sondern setzen uns über sie hinweg. Wir betrachten die Angst lächelnd als gute Bekannte, die uns für eine Weile stumm begleitet. Mit der Zeit schaffen wir es dann, sie wegzuschicken – oder sie verlässt uns wie von selbst, beinahe unbemerkt.
Unser Problem dabei ist, dass wir das Leiden fürchten, das eine Tat uns „eventuell, vielleicht, möglicherweise, wenn es schlecht läuft“ bringen könnte. Auch um in dieser Hinsicht einen Entwicklungsschritt zu weniger Angst und in Richtung Urvertrauen zu machen, gibt es nur eines: das eventuelle Leiden akzeptieren.
In unserer Gesellschaft wird das Leiden als äusserst negativ und unerwünscht betrachtet, wir versuchen, es zu fliehen und zu betäuben – wir wollen vergessen, dass es zum Leben gehört, und haben verlernt, damit umzugehen.
Damit umgehen heisst: das Leiden als gegeben annehmen und es aushalten. (Gemeint sind nicht die physischen Leiden, dagegen gibt es Schmerzmittel – es ist unnötig, vermeidbare körperliche Schmerzen zu ertragen.)
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Leseprobe aus "Der Wanderer im dunklen Gewand" von Karin Jundt

Am nächsten Morgen brachen Lorenz und seine Gefährtin zeitig auf und zogen auf der Landstraße stromabwärts. Sie waren noch nicht lange gewandert, als sie an eine Verzweigung gelangten und Julia, scheinbar ohne zu überlegen, den Weg geradeaus einschlug, der sich allerdings vom Fluss entfernte, während der andere Pfad ihm folgte. Eingedenk der Auseinandersetzung des vergangenen Tages wagte Lorenz nicht, etwas dagegen einzuwenden. Viel später, als der Wasserlauf schon lange außer Sicht war, rasteten sie, um sich kurz auszuruhen und etwas zu essen. Da er die Gefährtin bei bester Laune sah, stellte er die Frage, die ihn seit Stunden beschäftigte: "Warum haben wir den Fluss verlassen?"
"Hast du das erst jetzt gemerkt oder traust du dich erst jetzt zu fragen?", antwortete sie ironisch. Schon bereute er, es überhaupt zur Sprache gebracht zu haben. Sie fuhr indes in einem sachlichen Ton fort: „Flüsse mäandern, es ist deshalb nicht nötig, jeder Schlaufe zu folgen. Wir gehen einfach geradeaus, und irgendwann treffen wir ihn bestimmt wieder.“
Er wollte ihr zeigen, dass seine vermeintlich dumme Frage so unüberlegt gar nicht war: "Und wenn es sich nicht bloß um eine Schlaufe gehandelt und der Fluss seine Richtung geändert hätte? Dann würden wir ihn ja verlieren…"
"Man muss den direkten Weg wählen - man braucht nicht jeder Windung zu folgen, als sei es unverrückbares Schicksal. Und wenn wir einmal einen falschen Pfad einschlagen - macht nichts, suchen wir den Fluss eben wieder, diesen oder einen anderen."
"Und wenn wir etwas verpassen, weil wir ihm nicht treu gefolgt sind?"
"Du kannst auch etwas verpassen, wie du es nennst, wenn du nicht geradeaus gehst." Julia lachte. "Bist du einfältig! Wir wissen ja nie, was auf unserem Weg liegt, also ist die eine Entscheidung so gut wie die andere."
Wie sie wieder unterwegs waren, hänselte sie ihn noch lange wegen seiner Angst, ihm könnte etwas entgehen, und versicherte ihm, sie würden seinen Fluss bald wiederfinden. Doch an diesem Tag wanderten sie nur noch über Felder und durch Wälder, ohne ihm erneut zu begegnen.
Erst am nächsten Tag, nachdem sie eine leichte Anhöhe erklommen hatten, erblickten sie unten im Tal den Fluss, eine Steinbrücke schwang sich hoch über ihm. Julia schaute Lorenz triumphierend an, während er sich fragte, ob es wirklich der gleiche Fluss sei. Sie verließen den Weg; über die Wiesen erreichten sie bald die Brücke.
Als sie nebeneinander oben standen, sahen sie, wie sich der Fluss nur wenig weiter mit einem gewaltigen Strom, der von Norden kam, vereinte. "Ihm werde ich folgen", verkündete Julia feierlich.
Lorenz lachte. "Es wird uns nichts anderes übrig bleiben! Unseren kleinen Fluss gibt es ja nicht mehr…"
Sie schaute ihn ernst an. "Du hast mich nicht verstanden. Ich folge dem Fluss aufwärts zur Quelle; du setzt deinen Weg talabwärts fort, bis du zum Meer kommst."
Nach der wiedergefundenen Eintracht hatte er sich der Hoffnung hingegeben, sie habe den Gedanken an die Trennung begraben. Ihre Worte trafen ihn unvorbereitet und lösten erneut Schmerz und Angst aus. "Bitte, lass mich nicht allein", wimmerte er, erinnerte sich aber sofort, dass sie sein Betteln als würdelos verurteilt hatte, und änderte seinen Tonfall. "Ich habe beschlossen, ebenfalls zur Quelle zu wandern", sagte er und bemühte sich, seiner Stimme einen selbstsicheren, überzeugten Klang zu verleihen.
Sie zuckte mit den Schultern. "Mach, was du willst. Mir kann es egal sein, wenn du den Ruf deiner Seele missachtest. Dann zieh los, ich lege hier am Ufer noch eine Rast ein."
Er schaute sie verstört an. "Wie - wenn wir denselben Weg haben, können wir ihn nicht gemeinsam gehen?"
"Nein, ich will allein weiter", gab sie bestimmt zurück.
Noch bevor er seine Enttäuschung äußern konnte, fügte sie aufmunternd hinzu: „Du schaffst es auch ohne mich, es wird dir guttun, nur noch auf dich selbst zu hören - so wirst du bald im Einklang mit dir sein."
„"Ich werde verhungern und im Winter erfrieren - du weißt doch, wie schwer mir das Betteln fällt…", wandte er zerknirscht ein. "Ich bin nicht so wie du, ich kann das nicht!"
Sie erwiderte: "Ich kann nicht! 'Ich kann nicht' gibt es nicht. Du willst nur nicht."
Trotzig schüttelte er den Kopf und wiederholte stur: "Nein, ich kann nicht."
"Du kannst nicht?", meinte sie bissig. "Hast du keine Zunge, bist du stumm? Es macht mir gar nicht den Eindruck. Du brauchst doch nur zu sagen: Bitte, gib mir etwas zu essen! Bitte, darf ich mein Nachtlager bei dir aufschlagen?"
"Ich kann das nicht", wiederholte er weinerlich - aus alter Gewohnheit, denn ein Teil von ihm fühlte sich alles andere als niedergeschlagen. In seiner Seele keimte die Freude über die neue Herausforderung, er spürte den Willen zu lernen und, stärker als alles andere, das Vertrauen, dass es nur zu seinem Besten war.
"Du musst es einfach versuchen, wenigstens versuchen!" Ihr Ansporn war im Gleichklang mit seiner eigenen zuversichtlichen Schwingung und machte sein Herz ganz leicht. Wie sie weitersprach, dachte er sogar, sie lese ihre Worte von seinen Augen ab, so sehr meinte er, sie schon zu kennen. "Du wirst sehen: Wenn du es ein Mal geschafft hast, geht es das zweite Mal viel leichter, und bald verstehst du gar nicht mehr, dass es dir einst so schwergefallen ist. Und immer dann, wenn du wirklich nicht mehr weiterweißt, begegnest du jemandem, der dir hilft. Das habe ich immer wieder erfahren - es scheint ein Gesetz des Lebens zu sein. Hab doch Freude an dieser Wanderung, genieße sie, nimm dir ihre schönen Seiten, sie stehen dir zu!"
Sie umarmte ihn. "Und jetzt geh deinen Weg zum Meer." Dann schritt sie aufrecht ans andere Ufer.
Er schaute ihr nach, bis sie seinem Blick entschwand.

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Leseprobe aus "Jonathan von der Insel "von Karin Albarosa (Pseudonym von Karin Jundt)

Der Fang war außerordentlich. Der junge Fischer bedauerte, dass sein Vater es nicht miterlebte, denn selten hatte er die Netze so voll gesehen. Kaum waren sie zurück im Hafen, fielen die ersten Regentropfen. Er schickte Beppi nach Hause und machte sich allein daran, den Kutter zu entladen. Einen besonders großen Fisch hob er zärtlich auf, hielt ihn in den Armen, streichelte ihn liebevoll und dankte ihm als Stellvertreter für alle anderen.
In diesem Augenblick, als ein Sonnenstrahl die Wolken aufriss und einen Regenbogen über die Insel warf, begann der eben noch reglose, unscheinbare Fisch in denselben Farben zu schillern, aber nicht einer Spiegelung gleich oder wie wenn die Schuppen das Licht brechen, sondern in einer leuchtenden, kräftigen bunten Bemalung - und er bewegte sich. Weil ihm am Morgen beim Aufstehen übel gewesen war, dachte Jonathan sofort an eine Sinnestäuschung - sie hatten wohl beide, er und sein Vater, am Abend davor etwas Verdorbenes gegessen.
Wie um sich selbst zu beweisen, dass es sich nur um ein Trugbild handelte, sagte er laut, mehr zu sich selbst als zum Fisch, den er immer noch festhielt: "Na dann fang doch auch noch an zu reden!"
"Wenn du mich frei lässt, erfülle ich dir einen Wunsch", vernahm er sogleich eine Stimme, die vom Fisch zu stammen schien.
Nun war Jonathan sicher, dass er nicht halluzinierte, so wie es einem immer ergeht, während man etwas erlebt - wer misstraut schon seiner eigenen Wahrnehmung? Dennoch blieb ein Zweifel, an Märchen mochte er nicht glauben. "Nur einen?", erwiderte er in verunsicherter Ironie. "In der Geschichte, die meine Mutter mir als Kind erzählte, sind es drei!"
Der Fisch verdrehte missbilligend die Augen und meinte verdrossen: "Ja, ja, den meisten habe ich bisher drei Wünsche zugestanden, das ist wahr. Aber in ihrer Verblendung rufen die Menschen mit dem ersten ja doch nur etwas herbei, das sie unglücklich macht, und verbrauchen die beiden anderen, um die Folgen des vorangegangenen zu mildern."
"Nun, wenn sie doch zur Einsicht kommen, es bereuen und in Ordnung bringen wollen - das ist doch gut, nicht? Dann haben die zwei anderen offenen Wünsche ja ihre Berechtigung", warf Jonathan ein.
Auf diese oder eine ähnliche Frage hatte der Fisch nur gewartet; seine Aufgabe war nämlich eine wichtigere, als kurzzeitig das menschliche Begehren nach vermeintlichem Glück zu stillen. Mit der Würde eines alten Weisen und tragender Stimme erklärte er: "Kein Wunsch ändert wirklich etwas, der erste nicht und der zweite und dritte auch nicht. Der kosmische Plan, der das ganze Universum mit all seinen Wesen lenkt, ist vollkommen. Er ist allumfassend, ein jedes ist darin mit dem anderen verbunden wie in einem feinen Netz: Wenn man an einer Stelle auch nur ein klein wenig zupft, bewegt sich das ganze Gewebe. Doch der Allwissende rückt es nach seiner gütigen Vorsehung wieder so zurecht, dass es für alle von Neuem stimmt. Undenkbar, wenn jede Tat, ja sogar ein Gedanke, die Macht besäße, entgegen dem weisen Plan des Göttlichen das ganze Netz zu verändern!"
"Also ist doch alles Vorbestimmung!", rief Jonathan, dem seine Überlegungen beim Elefantenfelsen augenblicklich gegenwärtig waren.
"Ja und nein", berichtigte der Fisch. "Dein Leben - und das aller Wesen - hat ein Ziel, das ist gegeben. Wie und wann du es erreichst, auf welchen Wegen und Umwegen, darüber entscheidest du aber in jedem Augenblick selbst. Du wählst, welche Chancen du annimmst und welche du ablehnst. Dabei dient alles, ich betone: alles, was dir geschieht, einzig dem Zweck, dich deinem Ziel näher zu führen. Du kannst nichts erlangen, was dir nicht vom Göttlichen zugestanden wird, und niemand kann dir etwas antun, weder Gutes noch Böses, wenn der Allmächtige es nicht zulässt. Sieh in allem stets einen Wink der weisen Hand, die hilfreich eingreift und die Gegebenheiten so formt und ausrichtet, dass du dich stetig dem Lebensziel näherst. Deshalb erhältst du auch immer wieder, unendlich oft, die Gelegenheiten, die du davor nicht wahrgenommen hattest."
Wissbegierig lauschte Jonathan jedem Wort und verstand, bis eine einzige Frage ihm noch auf den Lippen brannte: "Wie können wir denn ein Ziel erreichen, das wir gar nicht kennen? Sag mir: Welches ist dieses Ziel, der Sinn unseres Daseins auf der Erde?"
"Wenn dies zu wissen dein Wunsch ist, den ich dir erfüllen soll", antwortete der Fisch ernst, "sollst du es erfahren."

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