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Gibt es Gott?

Essay von Karin Jundt

Hat Gott den Menschen erschaffen oder hat der Mensch Gott erschaffen?
Brauchen wir den Glauben an eine Höhere Macht, um unser Dasein überhaupt auszuhalten? Gibt es einen Beweis, dass Gott existiert? Oder gibt es einen Beweis, dass Gott nicht existiert? Fragen über Fragen, die sich die Menschheit – und fast jeder einzelne Mensch – seit jeher stellt.

Gibt es Gott? Diese Frage kann jeder nur für sich selbst beantworten und er kann nicht die Überzeugung eines anderen übernehmen.

Manche von Kind an religiös erzogene Menschen behalten ihren Glauben bis zum Tod bei und weichen selbst in unwichtigen Details nicht davon ab; sie befolgen mehr oder weniger streng die Gebote und Regeln, die man ihnen beigebracht hat, und sind nicht offen für Einflüsse aus anderen Religionen oder spirituellen Lehren. Das trifft oft auch auf Menschen zu, die erst im Erwachsenenalter zu einer Religion bekehrt worden oder einer Glaubensgemeinschaft beigetreten sind.

In unserer westlichen Welt werden viele Kinder jedoch nicht mehr religiös erzogen und auch diejenigen, die vom Elternhaus oder von Institutionen noch etwas mit auf den Weg bekommen, legen ihren Glauben oft ab, wenn sie beginnen kritisch zu denken. Sie können nicht mehr an Gott glauben, weil sie sehen, wie viel "Böses" es auf der Welt gibt, das Gott einfach zulässt, wie viel Ungerechtigkeit, Gewalt und Krieg mit unschuldigen Opfern... Sie können nicht mehr an den "Gott der Kirche" glauben, an das Gottesbild, das man ihnen als Kind vermittelt hat, an Vorstellungen von Paradies und Hölle, von Belohnung und Strafe. Und weil sie an diesen Gott nicht mehr glauben können, glauben sie überhaupt nicht mehr an Gott und verabschieden sich von der Kirche. Einige finden dann zum Buddhismus und einer "gottlosen" Spiritualität; andere treten später in Sekten ein, wo sie sich seltsamerweise plötzlich an noch viel dogmatischere und engere Glaubensinhalte binden.
Von allen übrigen "Kirchenflüchtigen" geben viele an, schon noch an eine "höhere Macht" zu glauben, an "irgendetwas, das über dem Menschen steht" – aber eben nicht an Gott.

Für viele Menschen hängt der Glaube an Gott nur davon ab, welcher Name für diese "Höhere Macht" verwendet wird.

Ist es wirklich so wichtig, wie man diese höhere Instanz nennt? Wahrscheinlich nicht. Doch leider assoziieren wir mit dem Begriff "Gott", ohne es zu wollen, alles, was aus unserem "kollektiven Unbewussten" an christlicher (oder jüdischer oder islamischer) Prägung in uns ist – und lehnen ihn ab. Deshalb ist es sinnvoller, um eben diese unbewussten Bilder nicht heraufzubeschwören, einen anderen Ausdruck zu wählen. Im englischen Sprachgebrauch wird anstelle von God aus diesem Grund oft the Divine verwendet; auf Deutsch: das Göttliche.
Das beantwortet allerdings die Frage noch nicht, ob es dieses Göttliche tatsächlich gibt.

Es wäre einfach, jetzt die Meinung der Autorin dieses Artikels zu bekunden – aber damit wären wir eben wieder bei diesem Dogmatismus angelangt, den wir von den traditionellen Religionen, den Kirchen und Sekten ablehnen: "Das Göttliche gibt es. Es ist so und so und so. Und es erwartet von dir das und das und das."

Einen echten Atheisten kann man nicht bekehren. Alle anderen aber, jene die in irgendeiner Weise an etwas Höheres glauben, können sich fragen: "Wenn es das Göttliche gibt: Wie kann ich erfahren, was es ist und was es von mir erwartet?" Die Antwort kann nur lauten: "Das Göttliche selbst muss es mir sagen!"
Die heiligen Schriften wurden von Menschen verfasst, die solche Gottesantworten erfahren hatten; die Lehren der (echten) Gurus und spirituellen Meister stammen aus der gleichen Quelle. Es kann nur eine Wahrheit geben, weshalb im Kern die mystischen Wege aller Religionen gleich sind. Doch es treten leider zwei Probleme auf: Einerseits müssen die Menschen, welche diese Gottesantworten bekommen haben, die Wahrheit mittels unserer begrenzten Sprache ausdrücken, sodass wir vieles falsch oder ungenau verstehen; andererseits werden ihre Aussagen später unterschiedlich interpretiert und darüber wird dann gestritten bis hin zum Ausbruch von Religionskriegen!

Also bleibt tatsächlich nur der eine Weg: "Das Göttliche muss es mir sagen!" Wenn das Göttliche will, dass ich Seine Wahrheit verstehe und annehme, muss Es mir diese Wahrheit direkt vermitteln. Wie kann das geschehen? Indem Es die Wahrheit in meiner Seele für mich bereit hält.

In mir selbst finde ich die Wahrheit und die Antwort auf all meine Fragen.

Davon müssen wir einfach einmal ausgehen, wollen wir nicht blind dieser oder jener festgelegten Glaubensrichtung anhängen.
Um auf die erste, alles entscheidende Frage "Gibt es denn Gott überhaupt?" eine Antwort zu finden, können wir dann wie folgt vorgehen. Wir ziehen uns in einen ruhigen Raum zurück, wo wir für eine Weile ungestört sind, schliessen die Augen und sagen: "Gott, wenn es dich gibt, lass es mich jetzt fühlen."
Vielleicht bekommen wir nicht gleich beim ersten Mal eine Antwort, dann eben beim zweiten Mal oder beim dritten...
Haben wir die Existenz des Göttlichen auf diese Weise einmal erfahren, stellen wir uns sofort viel weniger Fragen. Und von da an werden wir geführt, durch das Leben, zur Wahrheit, zum Göttlichen... Dabei nehmen wir stets das an (auch aus Büchern, von anderen Menschen), was in uns anklingt, was für uns passt, was mit unserer inneren Wahrheit übereinstimmt – offen, undogmatisch und bereit, unsere Glaubensinhalte in jedem Augenblick zu erweitern, wenn eine neue Wahrheit in uns Einlass findet.
Wir leben also nach den drei folgenden Grundsätzen:

Ich glaube nichts, bloss weil es irgendwo geschrieben steht oder jemand es behauptet.

Ich glaube alles, was in mir anklingt und was ich als meine innere Wahrheit erkenne.

Ich glaube nichts für immer, ich bin stets bereit, neue Einsichten anzunehmen und alte, überholte aufzugeben.

Dann ist es nicht mehr Glaube, sondern Wissen. Mein eigenes Wissen, das ich mir nicht nehmen lasse, aber auch niemandem aufzwingen will.

3 existentielle Fragen:

Gibt es Gott?

Was ist der Sinn des Lebens?

Gibt es ein Leben nach dem Tod?



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